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Zu den letzten drei Jubiläen (1935 - 1960 - 1985) erschienen Festschriften und eine Chronik, die sich näher mit der Entwicklung der Gilde befassten. Stellvertretend folgt ein kurzer Ausschnitt aus der Chronik von 1985, die zum Teil auf den Ausführungen der Jahre 1935 und 1960 fußt.

1635 - 1985 - 350 Jahre
Neumühlener Große Gilde Im Jahre 1985 blickt die Bruderschaft der Neumühlener Großen Gilde von 1635 auf eine 350jährige Geschichte und Tradition zurück. Bieten schon die "normalen" Gildefeste reichlich Anlässe, sich auf Vergangenes zu besinnen, wie viel Grund mehr gibt uns der 350. Geburtstag, Rückschau zu halten und in den "Articules, Punkta und Clausulen", die das Leben. unserer Gilde mitbestimmten, zu stöbern. In keinem amtlichen Register findet sich die Geburtsurkunde, der Tag oder das Jahr der Gründung verzeichnet. Allein ein Brief der Ältermänner der Neumühlener Großen Gilde aus dem Jahre 1735 an den Herzog Carolus Fridericus, anlässlich der geplanten 100-Jahr-Feier der Gilde, übermittelt uns das Gründungsjahr 1635. Hier berufen sich die Gildebrüder auf ein seit 100 Jahren bestehendes Recht, jeweils am 3. Pfingsttage (Montag nach Pfingsten) ein Gildefest abhalten zu dürfen und laden ihren Landesherren untertänigst zum 100. Jubelfest ein.
Damit lässt sich also der Geburtstag der Gilde recht genau auf das Pfingstfest des Jahres 1635 festlegen, da auch der Herzog in einem Antwortschreiben die bestehenden Statuten bestätigt und sie sogar noch um das erbetene Recht erweitert, unter fliegender Fahne ein- und auszumarschieren.
Dem Ansinnen, der Gilde selbst beizutreten, entsprach er nicht. Stattdessen "verdonnerte" er die Gilde zu einer Strafe von 50 Mark, zahlbar an die Hof-Armenkasse, da die Bruderschaft es versäumt hatte, ihr Privileg, Gilde zu feiern, im Jahre 1730 bestätigen zu lassen. Zusätzlich übermittelte er eine sog. "Apostille", die strenge Vorschriften für das eigentliche Schießen vorsah. Nichtbefolgungen der einzelnen Anweisungen beim Schießen oder in der Handhabung der Gewehre zogen drastische Strafen bis zu 30 Reichsthalern, Arrest oder Gefängnisstrafen bis zu 4 Wochen nach sich.
Über die eigentliche 100-jährige Jubelfeier findet sich wenig in den Unterlagen. Vielleicht war die strenge Strafe von 50 Mark Anlass, das Fest nur im kleinen Rahmen zu feiern?
Wenn man die alte Gilderolle zur Hand nimmt, scheint die kurze Eintragung dies zu bestätigen: "A0 1735: Ist der Vogel geschossen und ist Claus Thor von Ellerbäk auf dass gehaltene Jubiläums-Gilde zum anderen Mal König geworden und hat das Silberne Vogel mit 10 Schildern mit sich nach Hause genommen, will den Vogel, wen wieder geschossen wird, wie gebräuchlich wie zu Baum bringen, wovor er seine Bürgen, die er vorhin gehabt wieder zu Bürgen stellet."
Die gekennzeichnete Eintragung versteht man besser, wenn man die des vorangegangenen Jahres 1734 heranzieht. Auch hier war Claus Thor König. Ihm wurde auch damals erlaubt, "das silberne Vogel mit 23 Schildern mit sich nach Hause zu nehmen."
Vergleicht man nun beide Eintragungen, ist es augenfällig, dass sich die Zahl der "Silbernen Schilder" der Königskette von 1734-23 Schilder auf -1735 - 10 Schilder verringert. Wir dürfen wohl vermuten, dass die 13, 1735 nicht mehr erwähnten Schilder, nicht unerheblich zur Finanzierung der Jubelfeier beitrugen. Sicher wird auch die Strafe für die Nichtverlängerung der Gildestatuten davon bezahlt worden sein.
Das, was sich die Gildebrüder für das Jubiläumsjahr erhofft hatten, geschah 1737:
"lhro Königl. Hoheit" ließ "sich einverleiben". Herzog Carolus Fridericus trat der Neumühlener Großen Gilde bei. Mit Stolz wurde diese Huld im Gildebuch verzeichnet:
"lhro Königl. Hoheit Herzog Carolus Fridericus haben allergnädigst wollen, aus Landes Väterlicher Huld und Gnade sich mit in dem Neumühlener Schützen und Brandgilde auf unterthänigste Bitte dero Unterthanen zur höchsten Gnade und allgemeinen Freude Einschreiben lassen Im Gilde zu Neumühlen den 17. Juny A0 1737."
Unsere Verwunderung kann jedoch nicht sehr groß sein, wenn wir auf dem folgenden Blatt im Gildebuch weiterlesen:
"Anno 1737 ist der Vogel geschossen und ist ihre Königl. Hoheiten König geworden und hat Herr Major Krüger in Nomine Ihre Königl. Hoheiten daß Silberne Vogel mit 12 Silberne Schilder mitgenommen."
Welch eine Auszeichnung für unsere Gilde und welch eine Freude für die Bruderschaft!
Um wie viel größer wäre doch, so mag sich damals manch Gildebruder gefragt haben, die Freude, wenn "lhro Königl. Hoheit" bereits im Jahre 1735 der Gilde beigetreten, König geworden wäre und die Strafe von 50 Mark nicht ausgesprochen hätte?
Doch über den Nachweis des Geburtsjahres unserer heutigen "Jubilarin" und der damit verbundenen Geschehnisse ihres ersten dokumentierten Jubelfestes, der 100-Jahr-Feier hinaus, sollten wir nicht die Ursprünge vergessen. Welche Absichten und Erwartungen hegten ihre Väter, als sie sie ins Leben riefen? Erforderten besondere Lebensumstände ihre Gründung? Kurz - was mag die Neumühlener bewogen haben, im Jahre 1635 eine Gilde "aufzurichten"?
In Nachbarorten, wie z.B. im Kirchspiel Schönkirchen, zu dem übrigens auch der Ort Neumühlen damals gehörte, gab es schon eine Gilde. Sie wurde nachweislich 1560 wieder neu ins Leben gerufen.
Ihre Bezeichnung als Brand- und Kirchengilde weist auf die enge Verbindung zur Kirche hin. Für die Neumühlener hätte also doch nichts näher gelegen, als sich auch dieser Gilde anzuschließen. Warum also eine eigene Gilde gründen? Das mag neben vielen anderen Ursachen wohl an zwei wichtigen Gegebenheiten gelegen haben:
Erstens: Die unruhigen Zeiten. Seit 1618 tobte in Deutschland der 30-jährige Krieg. Die gegnerischen Parteien, die katholischen und die protestantischen Heere überzogen weite Landstriche mit Not und Elend. Erst 1627 hatten die kaiserlichen, katholischen Truppen die Wälder des ostholsteinischen Raumes durch Abholzen stark dezimiert. So konnte es leicht sein, dass auch bald der Ort Neumühlen in Mitleidenschaft gezogen werden würde.
Zweitens: Es durften sich nach einer Bestimmung der Gildestatuten, Nachbarn nicht in ein und dieselbe Gilde einschreiben. Die Gefahr eines Übergreifens des Feuers bei Bränden auf die unmittelbar benachbarten Häuser war zu groß. Der Gilde würde so ein schwerer Schaden entstehen.
Darum war die Gründung einer neuen Gilde sinnvoll. So konnten die Neumühlener, Wellingdorfer, Dietrichsdorfer in die Schönkirchener und Schönkirchener und Mönkeberger umgekehrt in die Neumühlener Gilde einschreiben. Die Last bei einem Schadenfall wurde auf viele Schultern verteilt. Die Gilde war ja, nach dem Großen Brockhaus, "ursprünglich ein durch einen Eid bekräftigter Bund zum gegenseitigen Schutz und Beistand, zu religiöser und geselliger Bestätigung, aber auch zur beruflichen - wirtschaftlichen Förderung."
Die Neumühlener Große Gilde vereinigte ihre damaligen Mitglieder unter dem Grundsatz der gegenseitigen Hilfe bei Bränden und in ihren Anfängen wohl auch als Versicherung bei Todesfällen. Erst später wird sie Schützengilde. Dies geht aus den bereits oben erwähnten Genehmigungen der Amtmänner des Amtes Kiel hervor. 1651 erteilt Paul von R a n t z o w e n die Erlaubnis für die Ausrichtung einer Brand- und Totengilde, gleichermaßen 1671 Kiel m a n n s e c k. In den nun folgenden 16 Jahren bis zur Erstellung einer neuen Genehmigung durch Henning von B u c h w a l d t im Jahre 1687 muss sich ein Wandel in der Bedeutung der Einrichtung vollzogen haben. Noch immer ist sie Brandgilde, doch jetzt ebenso eine Schützengilde. Die Bedeutung als Totengilde ging verloren.
Diese Bedeutung als Brandgilde, eine Versicherung der Gildebrüder bei Bränden und Mobilienschäden auf Gegenseitigkeit, behielt sie bis hinein ins 19. Jahrhundert. Nach Errichtung der schleswig - holsteinigen adligen Brandgilden aber verlor sich 1828 diese Bestimmung, und die Gilde stand vor ihrer Auflösung. 18 noch ,“auf den Brand“ versicherte und 14 "auf Zeche" angehörige Gildebrüder trennten sich von ihr. Doch für einige andere Mitglieder war dies Ansporn, die Gilde nicht sterben zu lassen. Sie wollten nach ihrem bekundeten Willen, gerade jetzt die Sitten und Gebräuche der Gilde wahren und die Pflegestätte alter gildegeschichtlicher Traditionen neu erschaffen. So gründeten sie am 29. Mai 1829, dem Peter-Paul-Tag, einen "2-Reichsthaler-Verein für die Ämter Kiel, Cronshagen und Bordesholm".
Das Bestreben, diesem Verein durch einen angegliederten "Brandversicherungsverein" wieder eine wirtschaftliche Aufgabe zuzuweisen, scheiterte. So erfolgte dann am 12. Juni 1832 seine Umwandlung in die "Neumühlener Große Gilde von 1635" mit dem Charakter einer reinen Lustgilde.
Auch heute noch erfüllt sie diese Aufgabe und legt neben der Bewahrung alter Tradition Wert auf die Pflege gesellschaftlicher Verbindungen der Bruderschaft untereinander und zu allen Vereinigungen des Stadtteils Neumühlen - Dietrichsdorfs sowie darüber hinaus zur Stadt Kiel und den Vereinen des Umlandes. Im Gegensatz zum Brandversicherungsverein von 1829 ist es der Gilde 1881 gelungen, eine Sterbekasse anzugliedern und so erneut eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung, bis in unsere Zeit hinein, wieder zu erlangen.
Die Gilde beruft sich auch heute noch auf ein Brauchtum, das schon viele Jahrhunderte alle Stürme überstand und in den Gildeakten niedergeschrieben wurde. Wenn auch im 2. Weltkrieg ein Teil des alten Gildebesitzes zusammen mit dem Gildehaus, dem Gasthof "Zum Landhaus", verbrannte, blieben doch durch Zufall Zeugnisse aus den ersten Jahrzehnten unserer Gilde erhalten: Ein Gildebuch von 1688, der "Willkomm von 1694", mehrere Zinnbecher, verschiedene Urkunden, u. a. über einen Streitfall wegen des zur Königskette zugehörigen Silbervogels mit den Probsteierhagener, Genehmigungsschreiben zur Ausrichtung der Gilde, ausgestellt durch Kieler Amtmänner, beginnend mit dem Jahre 1651, endend mit 1740, einen Schriftwechsel der Gildeältermänner mit der Kanzlei des Herzogs Carolus Fridericus aus dem Jahre 1735 und verschiedene Gilderollen, in denen man die Ein- und Ausgaben der Gilde sowie die jeweils "auf Brand" oder nur "auf Zeche" eingeschriebenen Gildebrüder beinahe lückenlos vom Jahre 1688 an bis in die 9oziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nachlesen kann.
kann. kann. nachlesenkann.
Dieses schriftliche, wie auch ergänzend von Gildebrüdern über Generationen hinweg mündlich übermittelte Brauchtum prägt bis hinein in die moderne Zeit das Gildeleben. So findet seit Bestehen der Gilde das Fest an den Pfingsttagen statt. Ob Gilde gehalten wird, entscheidet sich seit langem am Himmelfahrtstage, erst seit wenigen Jahren am Abend vorher. Die Aufnahme neuer Gildebrüder regelt die Gesamtheit der Gildebrüder auf der Generalversammlung, wenn auch nicht mehr mit Hilfe des Ballotementkastens der 50 schwarzen und 50 weißen Kugeln, sondern durch Handaufheben. Früher fiel die Entscheidung durch die Zahl der abgegebenen weißen und schwarzen Kugeln. Waren mehr weiße als schwarze abgegeben, war der Vorgeschlagene aufgenommen.
Auch heute müssen sich die Gildebrüder "lobenswerter Tugenden befleißigen" und dürfen weder "fluchen, streiten, noch jemanden beleidigen" und nicht nach Belieben, also mutwillig ihr Bier auf oder unter dem Tisch verschütten, "es sei denn, man kann den Fleck mit der Hand oder dem Fuß bedecken!"
Früher, in den ersten Artikeln der Gilderolle aus dem Jahre 1688 waren die Strafen drastisch und lagen bei 8 Schillingen oder gar bei einer halben Tonne Bihr.* Heute überlegen wir noch, welche Strafe wohl angemessen ist. (* 1 Seekamper Tonne als Hohlmaß ca. 160 Liter)
Die Durchführung und der Ablauf unserer Gildefeier könnten sich auch bis auf wenige Veränderungen so vor 300, 200 oder 50 Jahren abgespielt haben: Üblicherweise findet sie am Pfingstmontag und -dienstag mit dem obligatorischen Vogelschießen statt. In früheren Zeiten wurde mit Vorderladern auf einen "eisernen Vogel auf der Stange" geschossen, um die Jahrhundertwende mit weittragenden Büchsen in einem Schießstand am Schaar der zu ebener Erde aufgestellte Vogel gerupft, dann mit Kleinkalibergewehren und heute wiederum schießen die Gildebrüder mit Luftgewehren auf den "zu Baum" gebrachten hölzernen Vogel. Das Abschießen des Vogels wurde ursprünglich von allen Gildebrüdern vorgenmmen. Aber auch sie schossen bereits nach Nummern, die sie vor dem Verlassen des Gildehauses gezogen hatten. Heute übernimmt unsere Schützenmannschaft diese Aufgabe. Jeder Gildebruder kann sich in diese Mannschaft am Tage der Generalversammlung einschreiben lassen. Ihre Mitglieder schießen für die Bruderschaft nach Nummern.
Wie schon in den früheren Statuten festgelegt, wird der Vogel nach einem festgeschriebenen Ritual "gerupft":
Die Schützen beginnen mit dem Abschießen der Teile von links, gesehen vom Standort der Schließleitern aus. Die Flattern 1, 2, 3, 4, 5 und 6 (die ersten drei sind auf dem linken, die folgenden drei auf dem rechten Flügel befestigt) fallen zuerst. Dann stürzen 7. die Zitrone, 8. die Krone, 9. der Kopf, 10. das Zepter, 11. der Reichsapfel, 12. der Hals, 13. der linke Flügel, 14. der rechte Flügel, 15. der Schwanz und 16. der Rumpf herunter. Derjenige, der "die Stange gänzlich entblößet" ist der Königsschütze. Mit seinem Schuss steht der neue Gildekönig fest.
Der Vogel wird am 1. Gildetag "mit klingendem Spiel und wehender Fahne" zum Gildeplatz geleitet. Dort beginnt, nach dem Absingen des Schleswig-Holstein-Liedes und dem Hissen der Bundes-, Landes- und Stadtfahnen, die Schützenmannschaft mit dem Schießen.
Im Zelt eröffnet der Altermann mit drei wuchtigen Schlägen auf den Deckel der Gildelade die offiziellen Feierlichkeiten. Ein Frühschoppen mit musikalischer Untermalung verkürzt die Zeit bis zum Ummarsch durch den Ort, der am Nachmittag zum noch amtierenden Gildekönig führt, um diesen dann zum Gildeplatz zu geleiten. Der Nachmittag verläuft in fröhlicher Runde, bis die Schützen den neuen König ermittelt haben. Am Abend gibt dann der Ältermann den neuen König bekannt. Ein vergnüglicher Tanz beschließt den ersten Gildetag.
Der nächste Tag findet die Gildebrüder zusammen mit vielen Ehrengästen und den Mitgliedern befreundeter Gilden versammelt zum traditionellen "Frühschoppen" im Zelt. Hier stellt sich der König des kommenden Gildejahres noch einmal seinem "Gildevolke" und den geladenen Gästen vor. Geschmückt ist er mit dem Symbol seiner Königswürde, der silbernen Königskette mit den Königsschildern und dem silbernen Vogel. Um diesen Vogel kam es "Anno 1651 am 16. May" in einem Streitfall zwischen den Gildebrüdern von povesteyer Hagen (Probsteierhagen) mit denen von "Nevenmühlen (Neumühlen)" wegen des "Silbernen Vogels:, der nach Hagen gehörig gewesen, vor vielen Jahren von den Neumühlern abgeschossen und dahin gewonnen und mit sich genommen", zu einem von der Obrigkeit vermittelten schriftlichen Vergleich zugunsten von Neumühlen. Interessant ist die Beisetzung runenähnlicher Zeichen als Hausmarken neben der Unterschrift der Vergleichspartner.
Die Gildebrüder aus povesteyer Hagen bestätigten durch ihre Zeichen und Unterschriften den Neumühlern, dass sie "zum abtridt des Vogels 7 Schilling Lübsch von ihnen empfangen haben."
In einer Abhandlung "Alte Gildezeichen und Gildegebräuche" erschienen in den Kieler Nachrichten am 6. Juni 1935 zur Einstimmung auf die 300-Jahr-Feier unserer Gilde, lesen wir über weitere, sich damals im Besitz der Brüderschaft befindlichen Gegenstände:
"Besondere Zeichen dieser Gildebruderschaft sind zwei alte Fahnen, die aus kernigem Eichenholz gefertigte Lade, ein altes Gildebruch, der Willkomm und die wertvolle Königskette, ohne die man sich eine Gilde nicht denken kann.
Von der ältesten Fahne, deren Alter leider nicht mehr zu ermitteln ist, hängen nur noch Reste eines einst stolzen Wahrzeichens am Fahnenschaft.
Sie wird zur 300-jährigen Jubelfeier zum letzten Male im Festzug mitgeführt, um dann dem Thaulow-Museum zur Aufbewahrung übergeben zu werden. Die zweite Fahne ist neueren Datums. Aber auch sie trägt schon deutliche Spuren ihres Alters. Die einst prunkvollen Zeichen sind noch so zu erkennen, wie es der vom herzoglichen Hofmarschallsamt in Kiel im Jahre 1735 gefertigte Entwurf vorsah: es schrieb auf eine Seite auf roter Taftseide die Zeichen F. F. (nach dem Stifter der Gilde Herzog Friedrich Franz), auf die andere die Zeichen C. F. (nach Herzog Carolus Fridericus) auf blauer Seide.
Die Eintragungen im Jahre 1823 verzeichnen voller Freude: Endlich ist es soweit, die Gilde kauft eine Fahne: Sie war die erste aus 6 Ellen Taft hergestellte Gildefahne mit handgemalter Aufschrift versehen und kostete 31 Thaler und 1 Schilling. Bei dieser Fahne handelte es sich um die so genannte kleine Fahne, die 1885 die Ellerbeker Buttgilde mit einer gestifteten Atlasschleife schmückte. Diese Fahne wurde ab 1959 auf Veranlassung des damaligen Altermannes Paul Holdorf restauriert. Die Mittel für eine Restaurierung wurden durch freiwillige Spenden aufgebracht, um so diese alte, vom Zahn der Zeit angenagte Gildefahne der Nachwelt zu erhalten. Dank der Opferfreudigkeit einiger Gildebrüder und der liebenswürdigen Mitwirkung der Museumsverwaltung wurde diese bis 1935 in Festumzügen mitgeführte Fahne am 325. Jahrestag in überholter Form zur Schau gestellt. Eine neue Fahne erhielt dann die Gilde am 18. Mai 1950. Sie wird heute bei allen Umzügen und größeren Veranstaltungen gezeigt.
Der bereits erwähnte Trinkpokal, der sog. Willkomm, stand neben kleinen Zinnkannen zum Gebrauch am Vorstandstisch. Es war Sitte, die große Kanne gefüllt auf dem Ladetische zu halten, um dem alten, ehrwürdigen Pokal seinen beikommenden Respekt zu erhalten. Wohl sind die meisten der kleinen Kannen der wirtschaftlichen Not zum Opfer gefallen. Der "Alte ehrwürdige Pokal" ist auch heute noch ein wertvolles Prunkstück der Gilde. Der prachtvolle Willkomm aus getriebenem Silber wurde im Jahre 1694 aus Königsschildern hergestellt. In den Fuß wie in den oberen Rand sind die Namen der Gildekönige eingraviert. Namen, die im alten Neumühlen - Dietrichsdorf und im Kirchspiel Schönkirchen einen bedeutenden Klang hatten, finden wir hier wieder.
Seit Jahren wird der Willkomm am Ballabend, der nach dem Einmarsch in das Gildehaus stattfindet, durch die beiden Schaffer zum Umtrunk bei den Gildeschwestern gereicht. Während der eine Schaffer kredenzt, schwenkt der andere die silberne Fahne auf dem Deckel.
Besonders reizvoll ist eine eingehende Betrachtung der Königskette, für die der jeweilige König alljährlich einen Silberschild stiften muss. Neben den Namen und der Jahreszahl, in dem die Königswürde erworben wurde, findet man auf jeder Plakette ein anderes Zeichen, welches den Beruf des Betreffenden erkennen lässt. Wir finden u. a. Schlachter, Zimmerer, Schreiner u. v. a. mehr.
Diese Kette wurde im Laufe der Jahre immer umfangreicher und damit auch immer schwerer. Der "Olympia-König" des Jahres 1972 spürte wohl in seinem Regierungsjahr die Last der alten ehrwürdigen Königskette. So stiftete er zur Erleichterung aller noch nachfolgenden Könige eine neue Kette, die leichter und lediglich die Königsschilder seit 1945 enthält. Der andere Teil wurde von Bruno H a y neu zusammengesetzt und wird nur noch bei außergewöhnlichen Anlässen angelegt. Seit 1981 tragen auch die jeweiligen Königinnen eine Kette. Sie wurde von der damaligen Königin Christiane T i m m a n n allen zukünftigen Nachfolgerinnen als äußeres Zeichen ihrer Würde gestiftet. Seit 1950 wird die Gilde wieder nach althergebrachter Weise gefeiert. Die durch die Kriegsereignisse vernichtete alte Gildelade wurde durch eine in wertvoller Handarbeit gefertigten neuen Lade ersetzt.
Nun könnte man meinen, die Gilde bestünde im wesentlichen aus den sich jährlich
ablösenden Königen. Sie sind sicher unsere Repräsentanten und vertreten die Belange der Bruderschaft, versehen mit dem Glanz eines traditionsreichen Zusammenschlusses zahlreicher Bürger. Hinter ihnen aber wirken, neben den schon häufiger erwähnten Altermännern, viele Gildebrüder. Ihre Leistungen liegen mehr im Verborgenen, und doch sind sie es wert, hier ins rechte Licht gerückt zu werden. Da sollten wir zunächst die unmittelbaren Mitarbeiter des Ältermannes, den Vorstand und die Achtmannschaft betrachten, und hier wiederum die Arbeit der Gildeschreiber besonders würdigen. Ohne sie würde so manches in der Gilde nicht oder falsch laufen.
Da sei zunächst unser heutiger Ehrengildeschreiber Bruno H a y genannt, der von 1952 bis 1972 mit seinen Kenntnissen über die Traditionen unserer Gilde die Ältermanner Paul Holdorf und Rudi Schenck begleitete.
Rudolf S c h e n c k in ihrer Arbeit tatkräftig unterstützte.
Ab 1972 übernahm der Gildebruder Herbert S p r e n g e r dieses Amt; sein Beruf als Bankdirektor half ihm, vor allem die Finanzen der Gilde stets ausgeglichen zu halten. Er führte dieses Amt 11 Jahre und arbeitete Karl-Wilhelm Dethlefsen, den neuen Ältermann, nach dem Ausscheiden Rudolf S c h e n c k s , mit ein. Nach ihm folgte Eckhard Kla u in diesem Amt, und er ging - wie Ältermann Dethlefsen ausführte - mit unerschöpflicher Energie und erheblichem persönlichem Einsatz daran, das neue Amt auszufüllen und uns allen den leider unvermeidlichen Papierkrieg von der Hand zu halten.
Die Neumühlener Große Gilde von 1635 ist in ihrer Geschichte vielen Traditionen treu geblieben oder hat, da wo es am notwendigsten war, diese jeweils den modernen Zeiten angepasst. Sie bemühte sich vor allem darum, den Zusammenhalt der Bruderschaft zu festigen. Jüngere Gildebrüder haben vor dem Hintergrund alter Gildebräuche, stets neue Ideen eingebracht, die dem Zusammenleben in der Gilde immer wieder neue Impulse gaben. Sie waren in ihren besonders aktiven Jahren "Bilderstürmer", griffen die Stimmung im Gildevolk auf und verfolgten beharrlich über Jahre hinweg ihre Vorstellungen, deren Ziele im wesentlichen in einer Anpassung des Gildelebens an die Zeiten lagen, ohne gleich alles Überlieferte in Bausch und Bogen verändern oder gar abschaffen zu wollen.
Nur wenige haben die vergangenen 25 Jahre stets an verantwortlicher Stelle das Leben der Gilde mitgestaltet. Neben dem heute schon fast selbst zur Institution gewordenen Ehrengildeschreiber Bruno H a y sind es die Vorstandsmitglieder Heinrich D a h I i n g e r und Adolf D r a c k e . "Hein" kam 1960 in die Achtmannschaft, Adolf 1974.
Doch viele Aktivitäten aus dem Leben unserer Gilde (Kinderfest, Klönschnack, Gildeball, Gildefrühschoppen, Flohmarkt) zeigen, dass sich in unserer Gilde wieder wie in allen Zeiten, Initiative zeigt, die notwendig ist, wenn sie als ehrwürdige Einrichtung mit dem doch beträchtlichen Alter von 350 Jahren noch heute für viele, auch jüngere Menschen eine Bedeutung behalten will.
Viele Namen aus den alten Gilderollen sind noch im Gedächtnis, und auch viele der Nachkommen dieser Familien sind Mitglieder unserer Gilde. Darüber hinaus zeigt auch die Zahl unserer Ehrengildebrüder, die bis ins hohe Alter der Bruderschaft treu bleiben, dass sie sich dem Gedanken der Gilde, der Geschichte und den Traditionen unserer Neumühlener Großen Gilde von 1635 verbunden fühlen. Doch auch die jüngeren Brüder unserer Tage fühlen sich dieser Gemeinschaft zugehörig und erfüllen sie mit neuen Inhalten und Gedanken. So hat sich in den vergangenen 25 Jahren das in unserem Gildeleben erfüllt, was 1964 der Ratsherr N e n t w i g auf dem Gildefrühstück sagte, als es um den Sinn und um die Fortführung der Traditionen ging: "Unter Tradition ist nicht zu verstehen, nur Asche zu hüten, sondern die Flamme weiter zu tragen".
Möge dies der Großen Neumühlener Gilde von 1635 auch in den kommenden 25 Jahren ihrer Geschichte gelingen."
Seit Erscheinen dieser Chronik sind 25 Jahre vergangen. Eine neue mit dem Titel "375 Jahre Neumühlener Große Gilde von 1635 e.V. - 2010" fasst die Veränderungen zusammen, die die Gilde erfahren hat.




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